Rückblick auf den 14.KOK- Jahreskongress 2026
Vernetzte Pflege in der Onkologie: Erweiterte Pflegepraxis, Wissenschaft und Patientenzentrierung
Vom 4. bis 5. September 2026 kamen in Berlin zahlreiche Pflegefachpersonen, medizinische Fachangestellte, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie weitere Expertinnen und Experten aus dem gesamten Bundesgebiet zum 14. Jahreskongress der Konferenz Onkologischer Kranken- und Kinderkrankenpflege (KOK) zusammen. Unter dem Leitthema „Vernetzte Pflege in der Onkologie: Erweiterte Pflegepraxis, Wissenschaft und Patientenzentrierung“ bot der Kongress zwei Tage voller fachlicher Impulse, berufspolitischer Debatten und persönlicher Begegnungen. Besonders bemerkenswert war die hohe Beteiligung: Viele Kolleginnen und Kollegen reisten auf eigene Initiative an, nicht selten auf eigene Kosten und in ihrer Freizeit, da finanzielle Unterstützung durch die Kliniken in der aktuellen Lage vielerorts nicht möglich war. Diese Präsenz war ein deutliches Zeichen für das Engagement und die Leidenschaft, mit der die onkologische Pflege ihre Profession lebt.
Ein berufspolitischer Auftakt
Den Beginn setzte Franziska Berghof vom Deutschen Pflegerat mit dem Vortrag „Deutschland, welche Pflege willst du?“. Direkt, unbequem und notwendig formulierte sie die Kernfrage, die das gesamte Programm begleitete: Es reicht nicht, über mehr Personal zu sprechen. Es geht um die Art der Pflege, die wir als Gesellschaft wollen, wertschätzend, sichtbar und mit echter Gestaltungsmacht für Pflegende. Ihre Botschaft war eindeutig: Die Stimmen derer, die Pflege jeden Tag leben, müssen in berufspolitischen Debatten endlich Gewicht bekommen.
Im Anschluss widmete sich Sven Goldbach dem Thema Advance Care Planning, der strukturierten Vorausplanung der medizinischen Versorgung am Lebensende. Eindrücklich machte er deutlich, dass Würde in der letzten Lebensphase keine Floskel ist, sondern konkreter pflegerischer und kommunikativer Arbeit bedarf. Weitere Impulse des ersten Tages widmeten sich aktuellen klinischen Herausforderungen:
Pflegerisches Handeln bei sekundären Immundefekten sowie die Entwicklung eines Pflegestandards zu Cancer-Related Fatigue durch Robert Palutke zeigten, wie sehr die Fachkompetenz in der onkologischen Pflege mit wissenschaftlicher Neugier verbunden ist. Ergänzt wurden diese Themen durch Beiträge von Manuela Roß zu komplementärmedizinischen Ansätzen als Baustein einer ganzheitlichen onkologischen Versorgung.
Praxisnah und vielfältig: Die Workshops
Das Workshopprogramm bot eine beeindruckende thematische Bandbreite. Martin Selber führte in die Welt der CAR-T-Zell-Therapie ein und beleuchtete, was pflegerisches Handeln in dieser hochkomplexen Behandlungssituation bedeutet: strukturierte Pflegeplanung, engmaschiges Monitoring und intensive Angehörigenarbeit.
Mirko Laux stellte das japanische Konzept des „Ma“ vor, die bewusste Pause als professionelles Pflegehandeln. In einer Fachkultur, in der Verdichtung und Zeitmangel Alltag sind, war dieser Beitrag ein wichtiger Kontrapunkt. Matthias Ehrhardt eröffnete mit seinem Workshop zur Generalisierung in der Pflegeausbildung eine kontroverse und notwendige Diskussion über die Auswirkungen der reformierten Ausbildungsstruktur auf die Stationsrealität. Diana Lang schließlich widmete sich dem stationären Alltag in der Onkologie als multiprofessionellem, menschlichem und hochkomplexem Arbeitsfeld.
Austausch über den Dächern Berlins
Der erste Kongresstag klang beim abendlichen Get-together in besonderer Atmosphäre aus. Über den Dächern Berlins, und das auch im Regen, kamen Teilnehmende in entspannter Runde zusammen.
Was dabei entstand, war mehr als Networking: echter Austausch zwischen Menschen mit denselben Fragen, denselben Erfahrungen und derselben Leidenschaft für die onkologische Pflege. Viele nutzten den Abend, um Kontakte aufzufrischen und neue Kooperationen anzubahnen.
Tag zwei: Auszeichnungen, Wissenschaft und starke Abschlüsse
Der zweite Kongresstag begann mit einem besonderen Moment: der Verleihung des KOK-Pflegepreises 2026. Auch in diesem Jahr wurden drei innovative Arbeiten ausgezeichnet, die eindrucksvoll belegen, wie pflegerisches Engagement und wissenschaftliche Neugier zusammenwirken können:
🥇 Rebecca Osterheld – Anforderungen an OFP im stationären Bereich HIPEC Therapie
🥈 Michael Hartwig – Angst verstehen statt nur erfassen: Angstassessment in der Onkologie
🥉 Tina Kowalke – Mind the Gap: Zytostatika Sicherheit
Im Anschluss an die Preisverleihung boten die Workshops des Vormittags weitere praxisnahe Impulse: Carola Freidank widmete sich den besonderen Bedürfnissen Jugendlicher und junger Erwachsener in der Onkologie, einer Patientengruppe, die im Versorgungsalltag oft zu wenig Sichtbarkeit erfährt. Peggy Lehmann stellte das Potenzial des onkologischen Rehasports vor und zeigte, wie Bewegung sicher und niedrigschwellig in die Nachsorge integriert werden kann.
Den Nachmittag eröffneten zwei Industriesymposia, die aktuelle Entwicklungen an der Schnittstelle von Pflege und Pharmakologie beleuchteten. Dr. Ivan Jelas referierte über Pflegeperspektiven bei Chemo- und Immuntherapie bei gastrointestinalen Tumoren und machte deutlich, welche pflegerische Expertise diese Patientengruppe erfordert.
Burkhard Matthes thematisierte unter dem Titel „Gemeinsam entscheiden, gemeinsam handeln“ die Bedeutung von Shared Decision Making und die Rolle der Pflege bei Immunonkologie-Therapien in frühen Stadien, einem Feld, in dem Pflegefachpersonen zunehmend als Lotsinnen und Lotsen gefragt sind.
Aufgrund einer kurzfristigen Zugverspätung wurde die Programmreihenfolge am Nachmittag flexibel angepasst. Dr. Friedrich Overkamp eröffnete den wissenschaftlichen Abschlussblock mit seinem Vortrag „KI und die Vision Zero in der Onkologie“ und zeichnete das Bild einer Medizin, in der KI-gestützte Systeme helfen, jede Erkrankung zu erkennen und jede Therapie zu ermöglichen. Eine ambitionierte Vision, die zugleich die Frage aufwirft, welche Rolle die Pflege in einem zunehmend digitalisierten Versorgungssystem einnehmen wird.
Im Anschluss sprach Dr. Gregor Gysi, MdB, mit seinem Vortrag „In Würde altern, ein Menschenrecht!“ und setzte eine klare politische Botschaft: Würde im Alter ist kein Versprechen, das sich der Kassenlage anpasst. Sie ist ein Menschenrecht und damit nicht verhandelbar, kein Spielball der Sparpolitik und kein Bonus für wirtschaftlich gute Zeiten. In der onkologischen Pflege, wo es häufig um begrenzte Zeit und weitreichende Entscheidungen geht, war das kein abstrakter Appell, sondern ein konkreter Auftrag an alle Anwesenden.
Den Abschluss des Kongresses gestaltete Dr. med. Eyck von der Heyde mit einem praxisnahen Beitrag zu immunvermittelten Nebenwirkungen onkologischer Therapien, einem Thema, das im pflegerischen Alltag zunehmend an Bedeutung gewinnt und fundiertes Fachwissen erfordert. Ein Kongress, der Haltung zeigt.
Der 14. KOK-Jahreskongress 2026 war mehr als eine Fachveranstaltung. Er war ein Zeichen: Onkologische Pflege hat eine Meinung, eine Stimme und den Anspruch, an berufspolitischen Entscheidungen beteiligt zu werden. Die Kombination aus wissenschaftlicher Tiefe, klinischer Praxis, politischer Offenheit und echter Gemeinschaft macht den KOK-Kongress zu einem festen Ankerpunkt im Jahr.
Wir danken allen Referentinnen und Referenten, Workshopleitenden, Teilnehmenden sowie unseren Unterstützerinnen und Unterstützern und Förderern, ohne die diese Veranstaltung nicht möglich gewesen wäre.
Unter dem Motto "Onkologische Pflege braucht Zukunft – Kompetenz, Verantwortung und Einfluss!" freuen wir uns auf den 15. KOK-Jahreskongress 2027.